Die Entwicklung der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie vom Zeitpunkt der Gründung der Österreichischen Chirurgen Gesellschaft bis in die Gegenwart

 

Lange Tradition in Österreich

 

Im Jahr 1875 führte der Chirurg Dr. Eduard Albert in Österreich die Listersche Karbolantiseptik ein, 1876 gelang ihm die erste autologe und homologe Nerventransplantation am Menschen. Seine Begabung für die räumliche Vorstellung der Gelenkmechanik ließ den späteren Chef der I. Chirurgischen Universitätsklinik zum Pionier der Orthopädie werden. Weitere namhafte österreichische Mediziner, die im Bereich der plastischen Chirurgie bahnbrechende Wendungen einleiteten, waren Carl von Nikoladoni, dem die erste gestielte Zehenverpflanzung zum Daumenersatz gelang, Hermann Biesenberger, der sich einen internationalen Ruf auf dem Gebiet der Mammaplastik schuf, oder Anton von Eiselsberg, Vorstand der I. Chirurgischen Universitätsklinik in Wien, der sich bereits frühzeitig für kieferchirurgische Probleme interessierte, errichtete an seiner Klinik während des Ersten Weltkrieges, als viele Gesichtsverletzungen zu behandeln waren, unter Hans Pichler eine eigene Kieferstation.

Seither hat die plastische Chirurgie eine enorme Entwicklung durchgemacht.

 

Unterschiedliche Entwicklung in Europa

 

In den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts war die Kieferstation in Wien eine Station der I. Chirurgischen Universitätsklinik, deren Vorstand Leopold Schönbauer war. Es ist wenig bekannt, dass Kurt Burian aus Prag während des Krieges die Kieferstation besuchte. Prof Karfik erzählt, dass Burian bei Kriegsende tschechische Gesichtsverletzte in einem Lazarettzug sammelte und nach Prag transportierte und so die Behörden zwang, eine Institution zur Behandlung dieser Patienten einzurichten. Aus dieser „Kieferstation“ hat Burian eine Plastische Chirurgie entwickelt, so dass vor dem zweiten Weltkrieg die CSR das einzige europäische Land war, in dem eine Plastische Chirurgie als Fach existierte.

In Deutschland entwickelte Erich Lexer seine „Wiederherstellungschirurgie“, so dass sich alle Lexer Schüler als Plastische Chirurgen fühlten. Aber auch hier erfolgte keine Institutionalisierung, da man grundsätzlich gegen die „Abspaltung“ von Sonderfächern war. Im Gegensatz dazu gab es in Großbritannien bereits plastische Chirurgen. Als die Gefahr des Zweiten Weltkrieges drohte, musste man mit Luftangriffen auf London mit zahlreichen Verletzungen und Verbrennungen unter der Zivilbevölkerung rechnen. Die britische Regierung beauftragte die vier führenden plastischen Chirurgen, für den Ernstfall einen Plan auszuarbeiten. Das Ergebnis war der Vorschlag, außerhalb Londons vier große Zentren einzurichten, die in der Lage waren, auch eine große Anzahl von Patienten plastisch chirurgisch zu versorgen. Bei Kriegsbeginn war nur eines dieser Zentren errichtet, nämlich East Grinstead, das nach dem Krieg zu einer Art Mekka der europäischen plastischen Chirurgie wurde. Auch für die Versorgung verwundeter britischer und amerikanischer Soldaten wurden entsprechende Einrichtungen geplant und erschaffen. Im deutschen Herrschaftsgebiet entstand nichts dergleichen. Es blieb der Initiative von Einzelpersonen auf unterer Ebene überlassen, dafür zu sorgen., dass unabhängig von Ausbildung und Fachrichtung in einzelnen Lazaretten plastisch chirurgische Rekonstruktionen durchgeführt wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es so viele Probleme, dass man offenbar froh sein musste, den wichtigsten Anforderungen gerecht zu werden. Es ist aber zu betonen, dass insbesondere durch die Mitglieder des Internationalen College of Surgeons relativ rasch internationale Kontakte hergestellt werden konnten - was nach dem Ersten Weltkrieg nicht der Fall gewesen war. Es wurde bald klar, dass auf dem Gebiet der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie ein Aufholbedarf bestand, der nur durch die Entsendung von Chirurgen ins Ausland wettgemacht werden konnte. Es ist der Voraussicht von Klinikvorständen zu danken, solche Auslandsaufenthalte zu ermöglichen, sei es in den USA, in Großbritannien (East Grinstead) oder Schweden, das auf britischem Standard war. Zum Teil erfolgten solche Auslandsaufenthalte auf Eigeninitiative.

So waren ab 1951 modern ausgebildete Plastische Chirurgen an allen Chirurgischen Universitätskliniken tätig:

 

I. Chirurgischen Universitätsklinik Wien: Dr. Elisabeth Winkler

II. Chirurgischen Universitätsklinik Wien: Dr. H. G. Bruck

Chirurgischen Universitätsklinik Innsbruck: Univ. Doz. Dr. Paul Wilfingseder

Chirurgischen Universitätsklinik Graz: Dr. H. Pierer

 

Auch der Leiter der Kieferstation der I. Chirurgischen Universitätsklinik Prof. Dr. Rudolf Ullik, sorgte für die Weiterbildung an seiner Station: Dr. Siegfried Wunderer.

Weltweit hat sich die Plastische Chirurgie auch organisatorisch weiterentwickelt. Es wurde die International Confederation of Plastic and Reconstructive Surgical Societies (ICPRSS) gegründet, die 1955 den 1. Kongress in Uppsala, Schweden, abhielt. 

 

Plastische Chirurgie bei den ersten Chirurgenkongressen

 

Am 12. Juni 1958 erfolgte die konstituierte Generalversammlung der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie und Unfallheilkunde. Der erste Kongress wurde 1959 in Graz organisiert. An diesem Kongress hielt H. Pierer, Plastischer Chirurg in Graz, einen Vortrag. 

1959 wurde der 2. Kongress der International Confederation in London abgehalten. Im selben Jahr erfolgte auf Initiative von Dieter Buck-Gramcko die Gründung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Handchirurgie in Hamburg, was von einer Reihe von plastisch-chirurgisch tätigen Chirurgen mit großem Interesse aufgenommen wurde.

Trotz dieser Entwicklung beteiligten sich die plastisch chirurgisch tätigen Chirurgen an den Kongressen der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie und Unfallheilkunde. Am 2. Kongress der Gesellschaft in Wien im Jahr 1960 wurde das Problem der Plexusläsionen durch Unfallchirurgen ohne Beteiligung von Plastischen Chirurgen diskutiert - mit der Feststellung, dass bei kompletten Läsionen nicht viel zu verbessern wäre. 

 

Am 3. Kongress 1961 in Wien sprach H. G. Bruck über die Deckung von Thoraxwanddefekten mit Coriumtransplantaten. Am 4. Kongress 1962 in Salzburg gab es mehrere Vorträge von plastisch chirurgisch tätigen Chirurgen, darunter die Präsentation einer neuen Methode der Sehnentransplantation durch H. Millesi.

 

Der erste Lehrstuhl für Plastische Chirurgie im deutschsprachigen Raum wurde 1965 an der Universität Innsbruck errichtet, erster Ordinarius war Paul Wilflingseder.

 

Österreichische Gesellschaft für Plastische Chirurgie

 

Im Oktober 1963 fand der 3. Kongress der International Confederation of Plastic and Reconstructive Surgical Societies in Washington DC statt. Wenn Österreich in dieser Organisation vertreten sein sollte, musste eine Österreichische Gesellschaft für Plastische Chirurgie gegründet werden, die sich um die Mitgliedschaft bewerben konnte. Die Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie erfolgte rechtzeitig im Rahmen des 5. Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie und Unfallheilkunde vom 5. bis 7. Juli 1963 in Graz.

 

In der Gründungsversammlung hielten sich Kieferchirurgen und Chirurgen die Waage, erster Präsident der neugegründeten Gesellschaft für Plastische Chirurgie war der Kieferchirurg Trauner. Die Chirurgen waren durch Freilinger, Millesi, Wilflingseder, Pierer, Holletschek, Bruck, Kronberger-Schönecker und Winkler vertreten. 

 

Kieferchirurgen und Plastische Chirurgen strebten eine eigene Fachrichtung mit eigenem Facharztdiplom an, was in Form eines „Klammerfacharztes“ nach jahrelangem Bemühen 1980 unter der Präsidentschaft von H. Anderl auch gelang. 1989 wurde das Sonderfach Plastische Chirurgie von der Österreichischen Ärztekammer beschlossen.

 

Jährliche Tagungen der Österreichischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie wurden als Parallelveranstaltung im Rahmen der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie und Unfallheilkunde veranstaltet. Allerdings mehrten sich die Bestrebungen nach Verselbständigung der Gesellschaft und der Abhaltung einer eigenen Tagung. Paul Fuchsig unterstützte diese Tendenzen, selbständige aber assoziierte Gesellschaften einzurichten, so dass 1972 im Rahmen des Chirurgenkongresses in Krems die Assoziierung beschlossen wurde. Seither nimmt die Gesellschaft für Plastische Chirurgie mit einer eigenen Sitzung am Chirurgenkongress teil und organisiert außerdem eine eigene zeitlich und räumlich abgesetzte Jahrestagung. Diese haben immer das Ziel, interessante und aktuelle Themen zu präsentieren und zu diskutieren.

 

In diesen Jahren hat die Plastische Chirurgie eine stürmische und wesentliche Entwicklung erfahren: durch die Entwicklung einer verlässlichen Methode der Nerventransplantation konnten die Ergebnisse der peripheren Nervenchirurgie entscheidend verbessert werden. Im Rahmen des Chirurgenkongresses 1969 konnte Millesi die ersten erfolgreichen Ergebnisse der Mikrochirurgie berichten. 1972 trafen sich die Pioniere dieses neuen aufstrebenden Gebietes in Wien zum 1st Symposium on Microsurgery of Peripheral Nerves and Vessels; ein Treffen, das zur Gründung der Society for Reconstructive Microsurgery führte. Bereits am 2nd Vienna Symposium on Microsurgery of Peripheral Nerves and Vessels wurden die ersten Berichte und Ergebnisse der freien mikrovaskulären Lappen vorgestellt. Von den Teilnehmern des Symposiums wurde die Absicht geäußert eine deutschsprachige Arbeitsgemeinschaft für Mikrochirurgie der peripheren Nerven und Gefäße zu gründen, was 1977 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Plastische Chirurgie in Erlangen zur Gründung der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Mikrochirurgie (DAM) führte, deren 1. Tagung 1978 in Wien stattfand.

 

Die Erfolge der mikrovaskulären Chirurgie haben die Erfolge und Fachrichtung der plastischen Chirurgie entscheidend verändert. Das bewog 1976 Millesi und Freilinger den ersten europäischen Replantationsdienst zu etablieren.

 

1990 im Rahmen einer chirurgischen Trennung von Siamesischen Zwillingen in Wien, führte die Abteilung für Plastische Chirurgie unter Leitung von Millesi die weltweit erste homologe Muskeltranspantation durch. 

Unter der Präsidentschaft von J. Holle änderte die Österreichische Gesellschaft für Plastische Chirurgie ihren Namen in Österreichische Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie. 

Ein weiterer wichtiger Meilenstein fand in Innsbruck im März 2000 statt: H. Piza und R. Margreiter führten die erste erfolgreiche Doppelhandtransplantation in Österreich (weltweit der zweite derartige Eingriff) bei einem Patienten, der beide Hände bei einer Bombenattacke verloren hatte, durch. 

2012, unter der Präsidentschaft von Th. Hintringer, verabschiedete das österreichische Parlament das Ästhetische OP-Gesetz. Dank dem Engagement und den Bemühungen des Vorstandes legt dieses Gesetz die Durchführung von ästhetischen Behandlungen und Operationen fest.

Seit ihrer Gründung hat die Gesellschaft natürlich auch eine vielschichtige Entwicklung erfahren:

  • H. Hoflehner und St. Spendel initiierten 1996 ein für Patienten und behandelnden Arzt anonymes Implantatregister für Silikonimplantate, das aufgrund der Eingaben einen Implantatpass für den Patienten erstellt, welcher Implantation, Explantation oder Implantatwechsel sowie die verwendete Implatatfirma dokumentiert.
  • Ein Schwerpunkt und Anliegen der Gesellschaft ist seit über 20 Jahren die Aus- und Fortbildung plastischer Chirurgen. So fand auf Initiative von G. Pierer und mit fördernder Unterstützung von H. Piza 1997 in Fuschl die erste Aus- und Fortbildungsveranstaltung statt. Seither wird zweimal jährlich konform zum Curriculum ein Seminar angeboten, das nicht nur von in Ausbildung stehenden sondern auch von Fachärzten besucht wird. Die Organisation und Betreuung erfolgt mittlerweile durch ein eigenes Referat der Gesellschaft.
  • Weiters bietet die Gesellschaft über eine zentrale Hotline verunsicherten Patienten nach bereits erfolgten ästhetischen Eingriffen die Möglichkeit, auf unkomplizierte Art und Weise kostenlos eine kompetente fachliche Meinung bei einem unabhängigen Gutachter in ihrem Bundesland einzuholen. 

 

Erstellt 2018 von: B. Fischill und E. Klausner 

 

Quellenangaben:

Millesi H.: Die Entwicklung der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie. In: A. Tuchmann, 50 Jahre assoziierte Fächer, 2009

Scharnagl E.: Festvortrag 30 Jahre Plastische Chirurgie in Feldkirch, in honorem P. Kompatscher, April 2018

 

 

 

 

 

Präsidenten:

1971-73          P. Wilflingseder

1973-75          H. Millesi

1975-77          W. Deutschmann

1977-79          H. Bruck

1979-81          H. Anderl

1981-83          G. Freilinger

1983-85          H. Bruck

1985-87          G. Meissl

1987-89          M. Bauer

1989-91          E. Scharnagl

1991-93          J. Holle

1993-95          H. Piza

1995-97          P. Hussl

1997-99          H. Mandl

1999-2001      P. Kompatscher

2001-03          Ch. Papp

2003-05          M. Stuffer

2005-07          M. Frey

2007-09          M. Deutinger

2009-11          H. Hoflehner

2011-13          Th. Hintringer

2013-15          W. Jungwirth

2015-17          G. Pierer

2017-19          B. Todoroff

2019-21          B. Zink