k.A.

1989-1991: Univ. Prof. Dr. Erwin Scharnagl

1.) Welche Aufgaben, Schritte und Maßnahmen waren während Ihrer Präsidentschaft wesentlich?

Für das Sonderfach Plastische Chirurgie mussten eigene Operationskataloge für Pflichtversicherungen und für Zusatzversicherungen erstellt werden. Dies war insoferne mühevoll, als ich bisher mit diesen Katalogen kaum zu tun hatte und Kataloge nicht zu meiner Lieblingslektüre zählten. So ging ich sämtliche vorhandene Operationskataloge im Detail durch und kennzeichnete daraus alle möglichen operativen Eingriffe der Plastischen Chirurgie. Meine Sekretärin stellte aus den Kennzeichnungen den neuen Katalog für Plastische Chirurgie zusammen.

Weiters war es mein erklärtes Ziel, plastisch-chirurgische Abteilungen in allen Bundeshauptstädten zu fordern. Diesbezüglich habe ich speziell mit dem Salzburger Sanitätsdirektor wiederholt Telefongespräche und Schriftwechsel gehabt. Damals wurde mir zugesichert, dass eine Abteilung für Plastische Chirurgie am AKH in Salzburg errichtet werden würde.

Kleinere Unstimmigkeiten mit der Gesellschaft für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie und der Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenerkrankungen bestanden, ich war aber immer bemüht, diese Spannungen in amikaler Weise und kalmierend abzubauen.

Es war für mich auch von großer Bedeutung, die Gesellschaft, wo immer möglich, zu präsentieren und durch Teilnahme und Vortragstätigkeit an verschiedensten Tagungen anderer Gesellschaften das fachliche Potential und Angebot dort zu dokumentieren.

Der Tendenz, eigene Gesellschaften für Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie, Verbrennungschirurgie und Mikrochirurgie zu bilden, trat ich mit Vehemenz entgegen, da die Anzahl der Vollmitglieder der Gesellschaft zu klein war. Auch die Österreichische Gesellschaft für Ästhetische Plastische Chirurgen konnte so wieder in unsere Gesellschaft eingegliedert werden. Lediglich die Handchirurgie hat sich interdisziplinär zwischen Orthopäden, Unfallchirurgen und Plastischen Chirurgen als eigene Gesellschaft etabliert.

Da Nachbardisziplinen wie Gynäkologie, Dermatologie, HNO, Kieferchirurgie, Allgemeinmedizin etc. immer weiter in die Bereiche der Plastischen Chirurgie drängten und um die Komplexität des Faches zu erhalten, wurde die Gesellschaft in Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie umbenannt.

Anlässlich des von Univ. Prof. Dr. Freilinger veranstalteten 1. Muskelsymposiums in Wien lud ich den Präsidenten der Holländischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie zum Abendessen ein, um Informationen auszutauschen. Als überzeugter Europäer nahm ich Nicolais Vorschlag, als österreichischer Beobachter (ohne Stimmrecht) an den entsprechenden Sitzungen der UEMS teilzunehmen, sofort an.

Mit der von mir in Graz (Schlossberg, 25./26.10.1991) veranstalteten Jahrestagung endete meine Präsidentschaft.

 

2.) Was waren die Meilensteine der Plastischen Chirurgie in Ihrer Periode?

Im September 1990 war Prof. Baroudi aus Brasilien als Visiting Professor der Internationalen Gsellschaft für Ästhetische Plastische Chirurgie in Graz und präsentierte eine Reihe von Vorträgen und führte einige Operationen an der Abteilung durch. An diesen Präsentationen konnten zahlreiche eingeladene Mitglieder der Österreichischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie teilnehmen. Faszinierend und relativ neu waren Baroudis Ausführungen über und eine durchgeführte Operation des sogenannten Bodycontouring in kombinierter Vorgangsweise.

Die heiß diskutierten, sogenannten Filler (zuächst Kollagen), fanden eine starke Verbreitung.

Das Endoskop fand für Nervenengpasssyndrome und für die Gesichtsspannung Zugang zur Plastischen Chirurgie.

Beginn der Silikon-Diskussion in den USA.

Mit der Sentinel-Node-Technik fand die radioaktive Markierung von Tumorabflussstationen einen neuerlichen, standardisierten Zugang in die Diagnose und Therapie zunächst des malignen Melanoms. Diese Technik hat sich mittlerweile auch in der Mammachirurgie etabliert und ist für die operative Therapie des Melanoms Standard.

Kultivierung und Standardisierung der Rekonstruktion der weiblichen Brust mit Erarbeitung eines populärwissenschaftlichen Folders zur Patienteninformation. Damit begann eine sehr aktive Information der Öffentlichkeit über das Angebot der plastischen Chirurgie. Auf die Initiative von Univ. Prof. Dr. Holle wurde eine PR-Agentur engagiert und mit dieser PR-Aktivitäten gesetzt.

 

3.) Welche Position hat die Österreichische Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie innerhalb der Medizin damals wie heute?

Die Plastische Chirurgie hatte nach jahrelangem Bestreben einen fixen und anerkannten Platz als eigenständiges Fach in der Medizin eingenommen. Trotzdem wussten auch viele Ärzte nicht, was genau Plastische Chirurgen als Beitrag zur Genesung Erkrankter beitragen können.

Heute ist das auch in der Öffentlichkeit weitgehend bekannt. Der Überrepräsentation der Ästhetischen Chirurgie auch im eigenen Fachärztebereich ist durch seriöse Öffentlichkeitsarbeit der Gesellschaft zu begegnen.

 

4.) Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft des Faches in den nächsten 10 Jahren aussehen?

Herausforderungen in der Medizin sind der Diabetes mellitus und die Adipositas, aber auch das zunehmende Lebensalter der Menschen, oft begleitet durch Multimorbidität. Hier ist die Plastische Chirurgie derzeit, sicher aber zunehmend in der Zukunft gefragt, um den Lebenswert alter Menschen zu verbessern.

Stammzellenforschung, Gewebszüchtung, autogene Gewebs- und Organtransplantation etc. werden in allen Bereichen zunehmen und sich zum Teil gegenseitig ersetzen.

Plastische Chirurgie wird flächendeckend zur Verfügung stehen, zB Rekonstruktive Chirurgie durch ein konsiliarärztliches Netz.